An der Ostsee

Kurz nach Vier blicke ich orientierungslos auf die Uhr. Es ist stockdunkel, eisekalt – es muss noch mitten in der Nacht sein, denn die Heizung zeigt sich verhalten.

Gedanken wie ‚Pooooommes‘ und ‚..ich fahre jetzt wohin‘ machen sich breit und nach kurzem Beine ordnen beschließe ich: Ich fahre an die Ostsee! Jetzt!

Das ist keine Seltenheit bei mir – rief doch schon oft zum Sonntag mal für ein paar Stunden die See mit einer Fischsemmel und einem Lübzer.

Geistesgegenwärtig genug verschaffe ich mir einen Überblick über die Verkehrslage und es bestürzt mich schon beinahe, dass keiner um die Uhrzeit einen schönen Ort aufsucht. Doch die Wetterlage hält mich dann doch von meinem Plan ab und ich wickel mich wieder feste in die Decke ein und falle mit dem Gedanken ‚…aber Pommes!!‘ in einem komatösen Tiefschlaf, den selbst meine beiden mauzenden Mitbewohner nicht gestört bekommen.

In geordneter Sonntagsmanier probiert mein Körper nach Acht dann ein weiteres Aufzucken und der erste Gedanke bleibt bei den Pommes hängen. Kurze Hoffnung, ob das Wetter an der Küste nicht doch noch Erbarmen zeigt, aber es bleibt dabei und ich lehne mich zerknittert mit ein wenig Frühstück zurück.

Vollkommen trieb-gesteuert von meinen Pommesgelüsten rolle ich in meinem Schwarzen Peter auch schon gen Dresden. Kamera verpackt, MP3-Player startklar, wollte ich es halten, wie zu den Zeiten, als ich noch in Dresden wohnte und befand mich auch schon kurze Zeit später, mit netter Musik im Ohr, in einem Zeitstrudel.

Ich fahre jedoch nicht mit der Straßenbahn am Altmarkt vor, sondern parke Peter in der Tiefgarage.

Im kleinen Souveniergeschäft hinter der Frauenkirche besorge ich mir meine Portion Zucker und betrete mit einem jauchzenden „Juhuuu“ den Laden, um festzustellen, dass eine andere Verkäuferin mir ein wenig erschrocken entgegenblickt, sich aber schnell zu einem verlegenen Grinsen entschließt. Meine Gelüste, eine heiße Schokolade mit Eierlikör im Antikcafe zu trinken, ignoriere ich und gehe zielstrebig wieder über den Markt, bevor ich Peter nach drei oder vier heißen Schokis das Eiern beibringe..

Da, wo ich mein Fahrrad über den Asphalt trat, rolle ich nun mit meiner Familienpritsche, ohne Familie, entlang. Die ersten Gedanken kommen, was sich alles verändert hat. Auf „meiner“ alten Straße hat sich nichts verändert. Durch alte Villen hindurch und Bäume und Sträucher, erkenne ich im Vorbeifahren mein altes Wohnhaus und fühle mich wohl mit den alten Erinnerungen an diese besondere Wohnung und was in den 13 Monaten meiner Miete, in meinem Leben alles geschah. Ja, 13 stolze Monate.. in 14 Jahren bin ich 9x umgezogen – ich Wandernomade…..

Die Fahrradroute zum Blauen Wunder ist weniger Peter-geeignet, also nehme ich doch die alte Busroute und bin schnell vor Ort. Bereits nach dem Aussteigen bilde ich ihn mir ein: Den Pommes-Duft!

Curry & Co. ruft mich, schreit nach mir! Erbittet mein Eintreten. Wieder ein jauchzendes ‚Juhuuuuuu‘ beim Eintreten, diesmal ein unglaublich erschrockener Blick, welcher sich auch nicht sehr viel ändert. Auch hier ein neues Gesicht – wie lange war ich denn weg?!?!?

Aber egal: Meine Pommes werden alsbald in meinen Händen liegen!

Draußen ist es ein wenig unbequem in puncto Wind, also entschließe ich mich noch ein wenig an der Theke zu verharren und an meinen Pommes zu mumpeln (dieses Wort könnte ich heute unentwegt sagen… Pommes, Pommes, Pommes.. und es klingt mit jedem Mal dämlicher – gut!). Mit im MP3-Player im Ohr und etwas von einem Bein auf das andere tippelnd, versuche ich mir Dialoge auszudenken, für die, meiner Gedankenwelt nun ausgelieferten Insassen dieses Imbiss‘.

Wie das so ist, mit Musik im Ohr, vergisst man eigene Geräusche wie Schmatzen und gruseliges Kichern und bevor es peinlich wird, verschwinde ich glücklichst gesättigt und geerdet wieder aus dem kleinen Eck – ich bin froh, dass es noch existiert; auch mit anderer Bedienung (vielleicht haben die auch nicht einfach nur einen Angestellten… 🤫😉).

Am Ufer der Elbe, unter dem Blauen Wunder, säumen sich Pärchen, Familien, orientierungslose Opi’s „Magareeeete“ rufend, Schwäne, Enten, Graugänse und Tauben. Unverändert.

Ich laufe ein Stück flußaufwärts und setze mich auf einen Stein, inmitten von Schwänen, die mich nicht minder komisch ansehen, wie die Verkäuferin des Souvenier-Ladens und dem Curry-King von vorhin.

Allerdings ist deren Verhalten etwas grenzüberschreitend und meine Versuche Fotos so zu machen, wie sie meinen Vorstellungen entspringen, scheitert. Wer will schon Aufnahmen von einem puschigen Schwanen-Hinterteil? Oder einem Schnabel verschwommen in XXL..

Ich sitze einfach da und blende das Geschnäbel an meinem Arm und denke zurück an die Sonntage hier an diesem Fleck. Am Morgen mit Frühstück oder am Abend mit einem Grill und den Klängen einer Musikveranstaltung aus dem Schillergarten. Ich spüre, wie ich aus dem Hier und Jetzt entschwinde….. Alles fühlt sich an wie damals.

Und doch ist alles anders. Ich hätte mal nie gedacht, dass ich aus Dresden wegziehen würde, hatte aber auch keine Vorstellung, wie mein Leben sich entwickeln würde.

In all den Jahren ist sehr viel passiert. Es ist fast nichts mehr so, wie es einmal war. – Kurz: es ist nichts mehr, wie es einmal war.

Ich sitze da und frage mich selber, ob das alles okay so ist und komme augenblicklich zu dem Entschluss: Ja klar, perfekt!

Durch all das Chaos‘ des Lebens entwickelte sich so viel Vertrauen, dass klar ist, dass alles wird.

Wir vergessen nur leider, besonders in dunklen Momenten, dass es immer so ist. Wir verpacken alles in dunkle Folie, die jegliches Licht reflektiert und reden uns ein, dass wir nicht mehr atmen können.

Aber das alles ist unser Leben. Dieser ganze bunte Zirkus mit seinen Licht und seinem Schatten. Mit 10.000 Veränderungen und Abenteuern, mit Aufgaben und Prüfungen. Wie sollen wir spüren, was Freude ist und wie sich Glück und Liebe anfühlt, wenn wir nicht den Schatten eiskalt auf uns spüren? Warum diese Gefühle abschmettern und fernhalten? Sie gehören zu uns und unserem Leben dazu und machen es gleichermaßen wertvoll, wie auch Glück und Frieden.

Ich fahre unbekümmert weiter. Lenke Peter diesmal nicht über die Autobahn, sondern verfolge weiter meine „Geschichtsfahrt“, auf der Landstraße gen Kamenz.

Auf dem Markt geparkt, zügel ich mich jauchzend ein ‚Juhuuuu‘ von mir zu geben. Ich muss kichernd gestehen: Ich habe Angst vor eventuellen Mistgabeln!

Zu groß ist der Unterschied meines alten Zuhauses, zu diesem hier.

Ich schlender mit keinem Wehmut durch die leeren Gassen. Im Atelier knistert der Ofen und es riecht angenehm. Begrüßt werde ich mit lustigen Klängen, welche mich zur kurzen Tanzeinlage animieren und ich fühle nichts als Glück und Reichtum.

Denn ich weiß: alles geschieht und alles geschieht zum richtigen Zeitpunkt.

Die darauffolgende Zusammenkunft mit zwei Gästen, die wenig später nach meiner Ankunft ins Atelier traten, und das lange Gespräch mit ihnen, gaben mir einen kleinen Anreiz für dieses Zeilen…..

Wir dürfen uns vertrauen, ihr dürft euch vertrauen. Ihr dürft mit Stolz auf Vergangenes blicken, welches euch die Möglichkeit für ein JETZT und ein BALD gab. Habt keine Angst.

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